Der aufregende Schritt vor die Tür

Was nützen das schönste Outfit, die tollsten Schuhe und dass man sich unheimlich gut schminken kann, wenn man das Ergebnis seiner Mühen nicht präsentiert? Es liegt in der Natur der Sache, dass es jeder von uns anfangs unheimlich schwerfällt und es enorm viel Überwindung kostet, den Schritt nach draußen zu wagen. Hinter dem Make-up und dem Stoff steckt ein Mensch mit einer verletzlichen Seele und selbstverständlich möchte niemand ausgelacht oder sogar beschimpft werden.

Um es vorwegzunehmen, der Schritt nach draußen ist nicht ohne Risiko. Es gibt Menschen mit einer schlechten Erziehung und geringer Intelligenz, die ihre eigenen Unzulänglichkeiten dadurch kompensieren, dass sie die Würde anderer Menschen mit Füßen treten, um sich selbst besser zu fühlen. Zum Glück sind solche Begegnungen wirklich äußerst selten.

Sicher muss man sich auch eingestehen, dass es nur wenige von uns schaffen, sich so zurechtzumachen, dass sie sich in der Rolle des anderen Geschlechts völlig unerkannt in der Öffentlichkeit bewegen können. Mir hat die Erkenntnis, dass egal, welchen Aufwand ich darauf verwende, wie eine Frau auszusehen, ich natürlich keine Frau, sondern eine Transe bin, unheimlich viel geholfen. Unabhängig davon, was ich investiere, um nicht als Mann im Kleid erkannt zu werden, die Menschen, die mir begegnen, werden dennoch den Mann dahinter bemerken, weil ich eben weder eine richtige Frau noch transsexuell bin. Erst als ich dies akzeptieren konnte, war ich in der Lage, in meiner eigenen, ganz speziellen Frauenrolle am Leben teilzuhaben.

Annica irgendwo auf Tour

Meiner Erfahrung nach kann man es selbst mit seinem Verhalten sehr gut steuern, wie einem die anderen Menschen begegnen. Tritt man freundlich, offen und selbstbewusst auf und ist man dem jeweiligen Anlass entsprechend gekleidet, wird man auch ernst genommen und völlig normal und respektvoll behandelt. Je normaler man sich verhält, desto weniger Notiz nehmen andere Menschen von einem. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass die allermeisten Menschen ohnehin hauptsächlich mit sich selbst beschäftigt sind und sich nicht für ihre Mitmenschen interessieren.

Hat man planlos Tonnen von grellbuntem Make-up im Gesicht verteilt und stöckelt gekleidet wie eine „Bordsteinschwalbe“ am Samstagnachmittag zur besten Einkaufszeit durch belebte Straßen, braucht man sich nicht wundern, wenn die Menschen mit dem Finger auf einen zeigen, über einen lachen und man nicht ernst genommen wird.

Meiner Erfahrung nach benötigt es Zeit, bis man sich in der Welt der Frauen zurechtfindet und das Auftreten, die Kleidung und das Make-up stimmig sind. Aus diesem Grund empfehle ich, Dich langsam heranzutasten und Dich nur dann hinauszuwagen, wenn Du Dich gut fühlst und vollkommen sicher bist, dass alles passt. Bei den ersten Erkundungen der weiblichen Welt in der Öffentlichkeit ist weniger vielleicht mehr. Auch wenn ein Rock und hohe Schuhe eine schöne Sache sind, so sind eine Jeans und flache Schuhe für die ersten öffentlichen Auftritte vielleicht die bessere Wahl, um erst einmal zu Dir selbst zu finden.

Je öfter Du Dich als „Frau“ in die Öffentlichkeit wagst, umso einfacher und normaler wird es. Nach einiger Zeit ist es Routine und Du störst Dich nicht mehr an den Dingen, die Dir zuvor noch unbändige Angst einjagten. Auch sehr hilfreich ist es, den Menschen um Dich herum keine Beachtung zu schenken und mit einem Tunnelblick die Straße entlangzuschlendern.

Allein oder in Begleitung?

Meiner Erfahrung nach ist es gerade am Anfang immer besser, in Begleitung rauszugehen als allein. Zum einen ist es sehr viel lustiger zu zweit und zum anderen gibt es Dir eine gewisse psychische Stabilität. Die Begleitung einer verständnisvollen Freundin, unabhängig davon, ob diese selbst ein Transvestit oder eine biologische Frau ist, gibt enorme Sicherheit. Davon abgesehen gerätst Du nicht so stark in den Fokus der anderen Menschen. Wenn Du in Deinem persönlichen Umfeld niemanden hast, der Dich nach draußen begleiten möchte, oder wenn Du (noch) nicht den Mut dazu hast, Dich jemandem anzuvertrauen, der Dich begleitet: Es gibt professionelle Dienstleister, die Dich sehr gerne bei Deinen ersten Schritten nach draußen unterstützen.

Wohin kann ich gehen?

Auf ShoppingtourWir leben in einem freien Land und dementsprechend spielt es eigentlich fast keine Rolle, wohin Du gehst. Es gibt kaum Einschränkungen und Du kannst überall dort hingehen, wo Frauen sonst auch hingehen. Orte, die Frauen für gewöhnlich meiden, solltest Du ebenfalls meiden. Ganz bestimmt würde jeder seiner Tochter dazu raten, zu nachtschlafender Stunde dunkle, einsame, menschenleere Orte und zwielichtige Kneipen unbedingt zu meiden. Die Damenumkleide eines Fitnessstudios, eine Sauna oder zwielichtige Kneipen möchte ich aus verständlichen Gründen eher nicht empfehlen. Ich selbst war schon an unzähligen Orten. Restaurant, Hotel, Kaufhaus, Museum, Theater, Kino, Kosmetikstudio, öffentliche Verkehrsmittel, ja sogar der Aufenthalt in der Damentoilette ‒ alles ist möglich.

Wer Angst davor hat, erkannt zu werden, sollte nicht in der heimatlichen Umgebung ausgehen. Die Gefahr, jemand Bekanntem zu begegnen, ist dort um ein Vielfaches größer als andernorts. Wenn ihr dann womöglich noch mit eurer Partnerin unterwegs seid, seid ihr eigentlich aus verständlichen Gründen sofort enttarnt. Es lohnt sich daher schon, sich ins Auto zu setzen und einige Kilometer zu fahren, aber auch wenn die Wahrscheinlichkeit sehr gering ist, ihr könnt überall jemandem begegnen, der euch kennt. Ich weiß, wovon ich rede, denn mir ist genau das bereits zweimal hunderte Kilometer von meinem Arbeits- bzw. Wohnort entfernt passiert.

Im Großen und Ganzen kann ich nur jedem Mut zusprechen und ihm den Rat geben, am Leben teilzunehmen, denn das ist sehr viel leichter, als man glaubt.