Annica in der Notaufnahme

Erfahrungen in der Notaufnahme

Brandneuer Beitrag!

Ja, es stimmt – mir ist da eine ganz dumme Sache passiert. Durch eine leichtsinnige Unachtsamkeit hatte ich mich an der Hand verletzt. Da ich in der Wundversorgung nicht ganz unerfahren bin, war mir sofort klar, dass die sehr stark blutende und tiefe Schnittwunde von einem Profi versorgt werden muss. Eine Wahl hatte ich nicht, denn ein einfaches Pflaster war völlig ungeeignet. Nachdem der erste notdürftige Verband durchgeblutet war, stand ich vor einem sehr unerwarteten, unvorbereiteten, unfreiwilligen aber ganz sicher nervenaufreibenden Outing. Hübsch, adrett und weiblich zurechtgemacht, musste ich mich mit einer Krankenversicherungskarte, die einen Kerl ausweist, mitten in der bayrischen Provinz in der Notaufnahme des örtlichen Kreiskrankenhauses vorstellen.

Gewöhnlich kann man sich unangenehmen, kritischen oder gefährlichen Situationen durch eine Flucht entziehen, in diesem Fall war das aber nicht möglich. Die Wunde musste genäht werden und selbst wenn ich die rot gegelten Fingernägel vor der Behandlung noch hätte entfernen lassen können, ich hatte überhaupt keine männlichen Kleidungsstücke für meine Forschungsreise in die weibliche Welt eingepackt. Eine Flucht in meine männliche Identität war unmöglich. Glücklicherweise bin ich längst weit von den einsamen, heimlichen, nächtlichen Ausflügen entfernt und bewege mich sicher und selbstbewusst in der Welt der Frauen. Was man ohnehin nicht ändern kann, dass sollte man gelassen hinnehmen. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der örtlichen Ambulanz stand also ein graziöser, einzigartiger und besonderer Auftritt bevor, den sie wahrscheinlich nicht so schnell vergessen werden.

Da stand ich nun, die Femme Fatale mit blutender Wunde, an der Anmeldung und wie ich das bereits vermutet habe wurde ich als Erstes nach meinem Namen und meiner Krankenversicherungskarte gefragt. Was soll man denn in einer solchen Situation machen? Mein Rat ist, Kopf hoch, Brust raus und selbstbewusst durchs Leben gehen. Was soll denn schon großartiges passieren? Vorgestellt habe ich mich, mit meinem weiblichen Namen. Meine Krankenversicherungskarte und damit meine wahre Identität musste ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht preisgeben. Die Frage nach der Karte bezog sich lediglich darauf, sicherzustellen, dass ich versichert bin, die Karte dabeihabe und um herauszufinden, ob ich nicht etwa eine lukrative Privatpatientin bin. Der Anfang war schon mal sehr viel einfacher, als ich es mir vorgestellt hatte.

Nach einer kleinen Wartezeit durfte ich ein fensterloses, durch Leuchtstoffröhren mit kaltem Licht durchflutetes und nüchtern, funktionales Behandlungszimmer betreten. Ich war neugierig gespannt, wie die Menschen auf die weibliche Kopie reagieren werden. Zwei Krankenschwestern und ein junger Arzt warteten dort, nicht wissend was für eine besondere Dame, ihr medizinisches Know-how benötigt. Wie zu erwarten war, wurde ich nun erneut nach meiner Krankenversicherungskarte gefragt und musste nun unwiderruflich meine wahre Identität preisgeben.

Zur Sicherheit, gab es nach der Wundversorgung, noch eine Tetanusauffrischung. Eine der beiden Krankenschwestern wollte mir eine schreckliche und vermutlich äußerst schmerzhafte Spritze mitten durch meine teuren Hüft-Pads aus Silikon, in meine Oberschenkel-Hüftpartie verabreichen, wo sie natürlich wenig heilende Wirkung gehabt hätte. Es war mir schon unangenehm, dass ich darauf hinweisen musste, dass ich zu einem nicht unerheblichen Teil aus sehr hochwertigem Kunststoff bestehe. Glücklicherweise benötigt man, um die anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau optisch zu kaschieren nicht an allen Körperstellen eine Polsterung und so fand das Medikament einen weniger kompromittierenden Weg in meine Blutbahn.

Als Fazit dieses verzichtbaren, unerwarteten aber dennoch spannenden und aufregenden Abenteuers sind ein paar interessante Erkenntnisse festzuhalten. Sowohl meine Verletzung als auch der Umstand, dass ich mit meinem erkennbar genetisch männlichen Ursprung in weiblicher Kleidung und Aufmachung einem Arzt gegenüberstehe, waren wenig aufregende und eher nebensächliche Erscheinungen. Die eigentliche Herausforderung, war eine unbegründete, undefinierbare Angst davor, durch das Vorzeigen meiner Versicherungskarte meine wahre Identität preiszugeben. Für alle mit denen ich im Krankenhaus zu tun hatte, war ich ganz natürlich Frau Springmann und ich wurde sehr gut und freundlich versorgt. Es gab keine Nachfrage und auch keine dummen Bemerkungen. Das schlimmste, was passierte war, dass in China gerade ein Sack Reis umgefallen ist. Zu meiner eigenen Verwunderung, wurde mein genetischer Hintergrund, während meines gesamten Krankenhausbesuchs mit keinem einzigen Wort thematisiert. Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter später hinter meinem Rücken über mich erzählt haben, das kann ich natürlich nicht beurteilen, aber ich hoffe doch sehr, dass ich einen guten, positiven Eindruck hinterlassen habe und ihnen auch in einer guten Erinnerung geblieben bin.